Eine zweite Chance für den ersten Eindruck
Ein Hund mit Vorleben bringt Geschichte mit. Aber Geschichte ist nicht Schicksal. Warum der neue Anfang viel mehr gestaltet werden kann, als die meisten ahnen.
Ankommen braucht Zeit — und einen Rahmen, der es wirklich möglich macht.
Für einen Hund aus dem Tierschutz verändert eine gute Vermittlung das ganze Leben. Er bekommt Menschen, die sich kümmern, Verlässlichkeit und hoffentlich einen Alltag, der ihn glücklich macht.
Für den Tierschutz ist jede gelungene Vermittlung ein Ergebnis von Arbeit: versorgen, beobachten, einschätzen, begleiten. Wenn ein Hund vermittelt wurde, wird wieder wichtiger Raum frei für den nächsten.
Na klar — ein Hund aus dem Tierschutz bringt ein Vorleben mit. Eine eigene Lebensgeschichte. Manchmal ist sie bekannt, manchmal nur in Ausschnitten und manchmal fast gar nicht. Er hat Erfahrungen gemacht, etwas daraus gelernt und Verhaltensweisen entwickelt, die aus seiner Sicht zu seinem bisherigen Leben passten.
Die Frage ist dabei: Wie gut passt dieses bisher gelernte Verhalten in ein neues Leben hinein — und wie gut findet der Hund selbst in dieses neue Leben hinein?
„Vorgeschichte bleibt wichtig. Aber sie ist Geschichte. Und viele Hunde finden erstaunlich gut in ein neues Leben."
Warum Veränderung möglich ist
Aus biologischer Sicht ist das folgerichtig. Hunde sind sozusagen „plastisch". Ihr bisheriges Leben hat sie geprägt, und zugleich entwickelt sich ihr Verhalten im aktuellen Geschehen weiter. Fachlich kann man hier von developmental plasticity und contextual plasticity sprechen.
Developmental plasticity erklärt, warum Erfahrungen, Lebensumstände und Lerngeschichte ihre Spuren hinterlassen haben. Contextual plasticity erklärt, warum Verhalten trotzdem im jeweiligen Zusammenhang entsteht und dort veränderbar bleibt.
Eine Situation kündigt für sie etwas an: sicher oder gefährlich, angenehm oder unangenehm, kontrollierbar oder überwältigend. Daraus ist im bisherigen Leben entsprechendes Verhalten entstanden. Aber das ist nicht in Stein gemeißelt.
Aus fachlicher Sicht entsteht Verhalten immer in einem Zusammenhang — aus Genetik, innerem Zustand, Miteinander und Umwelt. Wenn wir im neuen Zuhause inneren Zustand, Miteinander und Umwelt bewusst, planvoll und konkret gestalten, verändert sich auch der Zusammenhang, in dem der Hund die Welt erlebt. Und damit kann sich die Bedeutung von Situationen verändern — und damit auch das Verhalten.
Das ist der Grund, warum dieser Text so heißt: Darin liegt für den Hund die zweite Chance für den ersten Eindruck.
Befragt wurden 933 Personen zu 1.537 Hund-Mensch-Paaren, 55 Prozent der Hunde kamen aus einem Shelter- oder Rescue-Umfeld. 83 Prozent der Hunde erfüllten die Erwartungen vollständig, 90 Prozent der Befragten waren mit mindestens einem ihrer Hunde zufrieden, und 91 Prozent würden in Zukunft wieder einen solchen Hund in Betracht ziehen.
In einer tschechischen Untersuchung wurden zu Beginn 61 Prozent der Hunde als ängstlich beschrieben. Nach sechs Monaten waren es nur noch 20 Prozent. Der Anteil der als sozial beschriebenen Hunde stieg im selben Zeitraum von 56 auf 93 Prozent.
Der neue Anfang
Wenn der Körper zur Ruhe kommt, fängt das eigentliche Ankommen erst an.
Wenn man diesen Anfang vom ersten Tag an gut angehen will, ist unsere Empfehlung bei DiscoDog ziemlich einfach: Machen Sie es im Prinzip genau so, wie man es idealerweise auch mit einem Welpen machen würde.
Das klingt bei einem Hund mit Vorleben vielleicht ungewöhnlich. Der Gedanke ist aber weniger fremd, als er im ersten Moment scheint. Auch ein Welpe hat schon erste Erfahrungen gesammelt. Trotzdem wird sein Einzug als neuer Start gestaltet — meistens sogar mit bemerkenswerter Hingabe. Da wird geplant, vorbereitet, gelesen, gekauft und ein Körbchen ausgesucht, als zöge ein kleiner Staatsgast ein. Zu Recht.
Auch beim Hund mit Vorleben sollte es so gehandhabt werden. Seine Lebensgeschichte ist länger. Aber das Prinzip ist genau das gleiche. Auch bei ihm geht es, bevor man mit einzelnen Übungen beginnt, zuerst um den Rahmen, in dem er ab jetzt leben und lernen soll — und um das grundlegende Verhalten, das er in dieser neuen Welt braucht.
Die erste konkrete Aufgabe ist deshalb, dem Hund ein möglichst gutes, klares und verlässliches Miteinander zu bieten. Darüber verändert sich in der Folge auch der innere Zustand.
Der Hund soll erst einmal merken, dass es ihm gut geht. Er soll satt sein, sicher, versorgt und erholt. Er soll zur Ruhe kommen. Die Menschen um ihn herum sind verlässlich. Das Leben fühlt sich geordnet, freundlich und möglichst sorgenfrei an. Biologisch betrachtet ist das die bestmögliche Ausgangslage.
Erst danach wird die Welt größer. Wir stellen dem Hund die Welt seines neuen Lebens Schritt für Schritt vor. Auch wenn er manches vielleicht schon kannte, wissen wir nicht, welche Bedeutung es für ihn hatte. Also gehen wir sicherheitshalber so vor: lieber etwas kleiner als zu groß. Lieber so, dass der Hund aufnehmen, sortieren und wieder Zeit zur Erholung hat.
Manches ist wirklich neu. Manches kennt er vielleicht schon. In beiden Fällen taucht es jetzt in diesem Leben auf: mit diesen Menschen, diesem Zuhause, diesem Miteinander und diesem inneren Zustand. So können Situationen im neuen Leben neu bzw. anders eingeordnet werden. Danach kristallisiert sich klarer heraus, welche Themen wirklich noch übrig bleiben und wo Training sinnvoll ansetzen sollte.
In dieser ersten Woche bleibt das Leben überschaubar genug, damit der Hund es leicht aufnehmen kann. Wenige Menschen, einfache Abläufe, viel Ruhe, klare Versorgung.
Der Hund soll erst einmal merken:
Hier geht es mir gut. Hier kann ich entspannen.
Danach lernt der Hund erst die weitere Welt in seinem neuen Leben kennen. Erst klein. Dann größer. Erst mit viel Orientierung. Dann mit mehr Selbstverständlichkeit.
Erst klein, dann größer — erst mit viel Orientierung, dann mit mehr Selbstverständlichkeit.
Ein Hund aus dem Tierschutz bringt Geschichte mit. Na klar. Aber ab jetzt beginnt ein neues Leben. Und dieses Leben können wir gestalten.
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